VNW - Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V.

    Die e.G. – Eine Idee macht Geschichte

    Die genossenschaftliche Organisationsform, die auch heute mit den Begriffen Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung umschrieben wird, ist im Grundsatz ein Zusammenschluss von Menschen, die sich in gleichen oder ähnlichen Problemlagen befinden und gemeinsam Lösungen suchen. Der Genossenschaftsgedanke ist deshalb alt. Im Zeitalter der Industrialisierung wird die Genossenschaftsidee zum Lösungsmodell für wirtschaftliche Rückständigkeit und soziale Missstände entwickelt. Vorreiter ist natürlich das Mutterland der industriellen Revolution – England.

    Früh entsteht hier eine Konsumgenossenschaftsbewegung. Durch gemeinsamen Einkauf versuchen englische   Arbeiter, die Kosten des täglichen Bedarfs zu senken. Diese Bewegung ist zugleich Ausdruck einer landesweiten Misere. Skrupellose Händlern schrecken nicht davor zurück, verdorbene, verfälschte, gestreckte, gepanschte und überteuerte Waren anzubieten. Die Gründung der „Rochdale Society of Equitable Pioneers“ 1844 gilt heute als die Geburtsstunde der weltweiten Genossenschaftsbewegung. Die Rochdaler Prinzipien, die offene Mitgliedschaft, der demokratische Grundsatz: eine Person – eine Stimme, die Überschussverteilung im Verhältnis zum Einkauf des Mitglieds, begrenzte Verzinsung der Geschäftsanteile, politische und religiöse Neutralität, Barzahlung und die Förderung von Bildung sind heute die Leitlinien des Internationalen Genossenschaftsbundes.

    Auch in Deutschland werden Veränderungen spürbar. Durch die Agrarreformen entsteht ein Heer von Tagelöhnern. Fabriken werden errichtet, Verkehrswege ausgebaut. Ganz Europa erlebt ein enormes Bevölkerungswachstum. Die sozialen Spannungen nehmen zu, weil immer mehr Menschen am Rande des Existenzminimums leben und die Herrscher in den über 30 deutschen Fürstenstaaten keine überzeugenden Antworten finden. Ab 1844 spitzt sich die Lage mit dem Aufstand der schlesischen Weber und Hungerunruhen in Folge witterungsbedingter Ernteausfälle dramatisch zu.

    Landauf landab beschäftigen sich Menschen mit der Lösung der sozialen Probleme. Im sächsischen Delitzsch ist es Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), im Westerwald Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888). Schulze-Delitzsch, ein Liberaler, gründet 1846 ein Komitee zur Versorgung notleidender Menschen. Er gehört 1848 der Preußischen Nationalversammlung an, später dem Preußischen Abgeordnetenhaus und dem Reichstag. Schulze-Delitzsch konzentriert sich bei dem Aufbau von Selbsthilfeorganisationen auf die gewerblichen Genossenschaften des Handwerks und auf die Kreditvereine, aus denen später die Volksbanken hervorgehen. Er entwirft das Genossenschaftsgesetz, das 1867 in Kraft tritt. Schulze-Delitzsch setzt auf Selbsthilfe und lehnt staatliche Unterstützung strikt ab.

    In Weyerbusch gründet Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen im Hungerwinter 1846/47 einen Brotverein gegen  die Not. Weitere, auf die gemeinschaftliche Selbsthilfe ausgerichtete Vereine, folgen. Als Bürgermeister von Heddesdorf (heute Neuwied) bündelt er 1864 seine Erfahrungen in der Errichtung des Heddesdorfer Darlehnskassenvereins. Seine Ideen greifen um sich und führen zu zahlreichen Gründungen von ländlichen und landwirtschaftlichen Genossenschaften, die sich auf das Kreditwesen, den Waren- und Dienstleistungssektor und den Agrarbereich erstrecken. Als Konservativer sieht Raiffeisen den Staat in einer sozialen Verantwortung.

    Schulze-Delitzsch und Raiffeisen trennen Welten. Doch ihre Ideen helfen, die ländliche Rückständigkeit zu überwinden. Durch ihren Einsatz gelingt es, das bisher für Zukunftsinvestitionen fehlende Kapital zu mobilisieren. Die bald flächendeckend arbeitenden Volksbanken und Raiffeisenbanken legen den Grundstein für eine erfolgreiche Innovations- und Modernisierungsphase auf dem Land. Dieser Erfolg wird zum Exportschlager für aufstrebende Industrieländer mit rückständiger Landwirtschaft. So breitet sich die Genossenschaftsidee bis ins ferne Japan aus.

    Wohnungsbau- und Konsumgenossenschaften setzen sich dagegen zunächst nicht durch. Sie sind insbesondere für die Arbeiter interessant. Doch so lange keine Massenbasis vorhanden ist, bleibt der Erfolg gering. Erst Ende des 19. Jahrhunderts ist die Verstädterung so weit vorangeschritten, dass die Wohnungsnot und die Lebensmittelversorgung zu einem immer drängenderen Problem werden.

    Zu den frühen Sozialreformern gehört auch Victor Aimé Huber (1800-1869), der als Wegbereiter des sozialen Wohnungsbaus gilt. Seine Ideen führen bei den Baugenossenschaften erst Anfang der 1870er Jahre zu einem Gründungsschub. Doch der versiegt bald, weil das Genossenschaftsgesetz nur eine unbeschränkte Haftung für die Mitglieder vorsieht. Vielen ist das zu riskant. Mit der Einführung der beschränkten Haftung 1889 erfahren die Baugenossenschaften einen Boom. Die Vermietung von Geschossbauwohnungen wird zum Erfolgsmodell.

    Die Gründung von Konsumgenossenschaften, um die sich Eduard Pfeiffer (1835-1921) bemüht, verläuft zunächst schleppend. Erst als sich der SPD-Politiker Adolph von Elm (1857-1916) über die Widerstände in der eigenen Partei hinweg setzt und 1899 die Gründung des Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ vorantreibt, nimmt auch dieser Genossenschaftszweig einen rasanten Aufschwung. Der Name ist Programm und revolutioniert die bisherige Vorstellung von Arbeiterkonsumvereinen.

    Die verschiedenen Zweige der Genossenschaftsbewegung nehmen unterschiedliche Entwicklungen. Die Konsumgenossenschaften werden von den Nationalsozialisten aufgelöst und können nach 1945 nicht dauerhaft an den früheren Erfolg anknüpfen. Die Wohnungsbaugenossenschaften profitieren vom Bauboom nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Sie verfügen heute über 2,2 Millionen Wohnungen, das sind zehn Prozent aller Mietwohnungen in Deutschland. Von einst über 20.000 Volksbanken und Raiffeisenbanken existieren nach mehreren Fusionswellen heute weniger als 1200 Kreditgenossenschaften, deren Marktanteil sich einschließlich Zentralinstitute auf 13, 2 Prozent beläuft. Handel, Handwerk und Verkehr bilden Schwerpunkte in den gewerblichen Genossenschaften. Im Lebensmittelhandel arbeiten die beiden Marktführer, die EDEKA-Gruppe und die REWE-Gruppe, mit genossenschaftlichen Strukturen.

    Eine Belebung erfährt der Genossenschaftsgedanke seit den 1980er Jahren bei der Verwirklichung alternativer Lebens-, Wohn- und Arbeitsformen und durch die Nachfrage nach ökologischen Nahrungsmitteln. Auch die Wende 1989 bringt die Genossenschaft, die in der DDR formal existierte, verstärkt in die öffentliche Diskussion. Nach einem Transformationsprozess arbeiten in den neuen Bundesländern heute in allen Bereichen Genossenschaften erfolgreich. Rund 1100 Agrargenossenschaften bewirtschaften in Ostdeutschland 27 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

    Die Neugründungsinitiativen der Verbände, die Reform des Genossenschaftsgesetzes 2006 und die jüngste Finanzmarktkrise haben einer alten Idee neuen Schwung gegeben. Über Jahrzehnte sank vor allem durch Konzentrationsprozesse die Zahl der Genossenschaften von rund 28.000 Anfang der 1950er Jahre in der Bundesrepublik auf unter 7.500 Ende 2008 in Gesamtdeutschland. Seither sorgt ein kräftiger Anstieg bei den Neugründungen (2009: 241, 2010: 289, 2011: ca. 370) wieder für eine Zunahme der Gesamtzahl der Genossenschaften.

    Auch nach über 160 Jahren ist die Genossenschaftsidee ein wirksamer Selbsthilfeansatz zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Ein Potenzial, das bei weitem nicht ausgeschöpft ist und immer noch unterschätzt wird.

    Dr. Holger Martens, Vorstand Historiker-Genossenschaft eG, Lehrbeauftragter an der Arbeitsstelle für Genossenschaftsgeschichte, Universität Hamburg.

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    Dr. Holger Martens, Lehrbeauftragter an der Arbeitsstelle für Genossenschaftsgeschichte, Universität Hamburg.
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