VNW - Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V.

    Publikationen // Tätigkeitsbericht

    Gastbeitrag Dietmar Walberg

     

    Serielles Bauen

    Königsweg oder Sackgasse für bezahlbaren Wohnraum?

    Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum – in erheblichen Dimensionen – ist eine der größten Herausforderungen, die an Politik, Bau- und Wohnungswirtschaft derzeit gestellt werden. Die derzeitigen Baukosten gelten dabei als eine der Hürden für eine entsprechende Umsetzung in höherer Schlagzahl.

    Nicht verwunderlich ist daher, dass nach vermeintlich einfachen Lösungen gesucht wird, um kostengünstiger an die Erstellung von Wohnraum heranzukommen. Die Schaffung von baulichen Lösungen in Serie scheint daher auf den ersten Blick eine vernünftige Forderung an die am baulichen Prozess Beteiligten zu sein, um Kostensenkungen zu erreichen.

    Auf den zweiten Blick stellt sich das Thema differenzierter dar. Das serielle Bauen lebt, wenn es wirtschaftliche Effekte erzielen soll, von Skaleneffekten. Skaleneffekte erzielt man nur durch Masse. Die Erstellung von Wohnraum hat sich allerdings in den vergangenen Jahrzehnten von diesem Gedanken weitgehend verabschiedet und auf eher individuelle Lösungen gesetzt. Das mittelgroße Gebäude mit zwölf Wohnungen ist derzeit das Mehrheitsprodukt im deutschen Mietwohnungsbau, geschaffen von einer mittelständisch geprägten Bau- und Wohnungswirtschaft, geplant von einer eher kleinteilig geprägten Architekten- und Ingenieurlandschaft.

    Der so entstandene Wohnraum ist an die aktuellen Anforderungen des Marktes angepasst, er genügt den zeitgemäßen Komfort- und Qualitätsansprüchen und unterscheidet sich häufig im Standard kaum, egal ob er im sozial geförderten Wohnungsbau oder frei‑finanziert im Eigentumssektor genutzt werden soll. Die meisten Wohngebäude entstehen so de facto als Unikat. Das alles hat seinen guten Grund: Aus Fehlern der 1970er und 1980er Jahre wurde gelernt, die bauliche und städtebauliche Maßstäblichkeit orientiert sich an einem anderen Leitbild von Stadtkultur. Vor allem aber wird der Vielfalt heutiger Nutzeransprüche Rechnung getragen.

    Dies alles muss nicht im Widerspruch zu serieller Fertigung stehen. Es steht aber mindestens im Widerspruch zu einem Einzug industrialisierter Produktionsweisen deutlich höheren Umfangs im deutschen Wohnungsbau.

    Ein Detail, ein Bauelement, das sich wiederholt, muss in sich stimmig sein und sollte auch regionalen baukulturellen Ansprüchen genügen. Architektonische Qualität entsteht nicht durch Individualisierung, wie sie auch nicht durch serielle Produktion zwangsläufig leiden muss. Im Vordergrund stehen vielmehr das Bauelement und die formelle Ausprägung des Gebäudes, das für den Standort, für die vorgesehenen Nutzer und für das Umfeld entwickelt worden ist.

    Die Einspareffekte im Bereich des seriellen Bauens sollten nicht überschätzt werden. Nach jahrzehntelangen Erfahrungen – insbesondere in Schleswig-Holstein – mit Typengebäuden und -bauteilen, die mit hoher Marktdurchdringung errichtet wurden, konnten niemals bauwerkskostenwirksame Einspareffekte von mehr als 15 Prozent realiter nachgewiesen werden. Dies ist insbesondere heutzutage wichtig, wo die Primärkonstruktion des Gebäudes (Tragwerksstruktur und Rohbau) einen immer geringeren Anteil an den Bauwerkskosten unserer Wohngebäude – mit weiter sinkender Tendenz – hat. Serielle Bauweisen hätten also insbesondere dann eine kostenmäßige Auswirkung, wenn sie die technische Ausstattung unserer Gebäude sowie Teile der Ausbaugewerke umfassen. Doch auch hier gilt: Mindestens mehrere hundert Wohnungen sind notwendig, um spürbare Kosteneffekte zu erzielen.

    Der momentane Kostendruck, der auf der Erstellung von Wohngebäuden liegt, ist vielschichtiger als die Optimierungsoptionen der reinen Bauwerkserstellung. Eine Vielzahl qualitativer Standards, normativer und gesetzlicher Anforderungen sowie projektspezifischer Eigenschaften spielen bei den Gesamtkosten des Bauens eine viel größere Rolle. Rationalisierung kann hier natürlich auch Vorteile bieten, allerdings ist dabei mehr gefragt als die serielle Produktion von Gebäu-den oder Gebäudeteilen, vielmehr ist der gesamte Entstehungsprozess einschließlich der Genehmigungsphase und das Zusammenspiel von Behörden, Planung und Ausführung zu beachten. Genehmigungs- und Planungsverfahren müssen beschleunigt und eine allgemeine Entschlackung von behördlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen muss herbeigeführt werden, sonst bleibt die alleinige Hoffnung auf Kostenreduktion durch serielle Bauweisen eine Sackgasse.

     

    Dietmar Walberg, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V.

    Dipl.-Ing. Architekt, geboren 1962 in Kassel, Studium in Berlin und Kiel bis 1991, bis 2000 projektleitender Architekt in Rastede, Berlin und Kiel. Seit 2000 arbeitet Walberg für die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V., seit 2010 ist er deren Geschäftsführer. Er hat diverse Publikationen zu bautechnischen und bauwirtschaftlichen Themen veröffentlicht. Walberg ist u.a. hier Mitglied: Lenkungsgremium Grund- und Planungsnormen NA Bau beim Deutschen Institut für Normung DIN; Baukostensenkungskommission und Bundeskommission AG Standards im Bauwesen beim BMUB; NAWOH - Verein zur Förderung der Nachhaltigkeit im Wohnungsbau e.V.; Netzwerk Innovative Dämmtechniken; BEEN Baltic Energy Efficiency Network; Urban Energy, Build with CaRe (BWC); Netzwerk Niedrigenergiehaus im Bestand - Region Nord; Messebeirat NordBau. VNW-Fachausschuss Architektur, Technik und Energie.