VNW - Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V.

    Publikationen // Tätigkeitsbericht

    Gastbeitrag Olaf Scholz

     

    WACHSTUM BRAUCHT WOHNUNGEN

    Hamburger Antworten auf die zentrale Zukunftsaufgabe moderner Stadtentwicklung 

    Wir leben im Zeitalter der Städte. Jeden Tag ziehen weltweit 180.000 Menschen neu in eine Stadt. Sie suchen ihr Glück, wollen vorankommen, wollen sich und ihre Familie ernähren. Und sie schaffen damit wirtschaftliches Wachstum. 80 Prozent des Bruttoinlandprodukts werden in Städten erwirtschaftet.

    Damit die Bürgerinnen und Bürger in der Stadt ein gutes Leben führen können, brauchen sie Wohnungen. Was aber oft vergessen wird: Wohnungsbau ist nicht nur eine soziale, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. San Francisco zeigt uns, was passiert, wenn Metropolen mit hohem Wirtschaftswachstum dieses Thema vernachlässigen: Die Stadt ist Opfer des Technik-Booms im Silicon Valley. Normalverdiener wie Krankenschwestern oder Busfahrer können sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Aber auch die Facharbeiter der New Economy wandern ab, weil es keine guten Wohnungen gibt. Die Wirtschaft ist alarmiert. Solche Verhältnisse drohen auch den wirtschaftlichen Metropolen in Deutschland. Zu lange wurde der Wohnungsbau vernachlässigt. Ich selbst habe bei meinem Amtsantritt ein Wohnungsbau-Defizit von 40.000 Wohneinheiten übernommen.

    Der Hamburger Senat hat deshalb 2011 zusammen mit den Bezirken sofort ein Wohnungsbauprogramm gestartet. In den letzten drei Jahren wurden jährlich mehr als 10.000 Wohnungen genehmigt. Den unterstützenden Konsens für den Wohnungsbau organisieren wir im Hamburger „Bündnis für das Wohnen“. Da kommen alle zusammen, die vom Wohnungsbau Ahnung haben: die Bauträger, die Behörden, die Mieter und die Eigentümer. Dieses Bündnis hat sich gut bewährt.

    In Hamburg funktioniert der Wohnungsneubau auch als sozialer Wohnungsbau, weil wir mit den Konzeptausschreibungen privatwirtschaftliche Initiative und soziale Anforderungen zusammenführen. So achten wir bei der Vergabe städtischer Grundstücke darauf, dass mindestens ein Drittel der Neubauten für den sozialen Wohnungsbau verwendet werden. Auch Themen wie Energieeffizienz und Barrierefreiheit gehören dazu. Die Investoren lassen sich gerne darauf ein, denn städtische Grundstücke sind begehrt, und sie bekommen so die Möglichkeit einer höheren Ausnutzung. Auf diese Weise erreichen wir auch das Ziel, dass die Neubauwohnungen insgesamt dem Prinzip des Drittelmix folgen: ein Drittel Eigentumswohnungen, ein Drittel Mietwohnungen im freien Wohnungsmarkt und ein Drittel staatlich geförderte Wohnungen. Jedes Jahr stellen wir bisher rund 2.000 Sozialwohnungen fertig.

    Privatwirtschaftlicher Wohnungsbau leistet einen wichtigen Beitrag. Für bezahlbare Wohnungen spielen aber auch der öffentliche Wohnungsbau und Baugenossenschaften eine unverzichtbare Rolle. 

    In Hamburg stellt die öffentliche Wohnungsbaugesellschaft SAGA GWG rund 130.000 Mietwohnungen, das sind 14  Prozent des Wohnungsmarktes. Noch einmal so viele kommen von den traditionellen Wohnungsbaugenossenschaften hinzu. 

    Insgesamt 39  Prozent aller Sozialwohnungen in Hamburg, also deutlich mehr als ein Drittel, werden vom städtischen Wohnungsbauunternehmen vermietet und in Stand gehalten. Die Mieten liegen deutlich unter dem Mietenspiegel und haben einen guten Ruf. Es ist aus meiner Sicht keine Frage: Sozialer Wohnungsbau verlangt natürlich auch die Stärkung öffentlicher Wohnungsbaugesellschaften. Hinzu kommt: Wohnungsbau ist nicht nur eine Voraussetzung für Wachstum, sondern auch selbst ein Investitionsprogramm. Hamburg investiert allein für den sozialen Wohnungsbau jährlich fast 200 Millionen Euro. 

    Der Trend zur Stadt wird auch in Zukunft anhalten. Bis zum Ende der 2020er Jahre rechnen wir in Hamburg mit 2 Millionen Einwohnern. Der Wohnungsbau schafft die Grundlage dafür, dass wir aus dieser Entwicklung eine Erfolgsgeschichte für den sozialen Zusammenhalt und wirtschaftliches Wachstum machen.

    Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg

    Geboren am 14. Juni 1958 in Osnabrück, aufgewachsen seit Kindertagen in Hamburg. Studium der Rechtswissenschaften im Rahmen der einstufigen Juristenausbildung in Hamburg; seit 1985 als Rechtsanwalt in Hamburg zugelassen; Oktober 2005 bis November 2007 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion; November 2007 bis Oktober 2009 Bundesminister für Arbeit und Soziales; seit März 2011 Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg.

    Foto: Florian Jaenicke, München