VNW - Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V.

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    Gegen die Selbstzufriedenheit

    Der diesjährige Genossenschaftstag in Hamburg stand ganz im Zeichen von Genossenschaftsgründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen und seiner Idee.

    Hamburg – „Raiffeisen schrieb nicht ‚Das Kapital‘, sondern nahm das Kapital in die Pflicht.“ Josef Zolk, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft, hatte zum Schluss seiner Rede die Lacher der gut 150 Gäste des diesjährigen Genossenschaftstages in Hamburg auf seiner Seite.

    Raiffeisen, der Begründer der Genossenschaftsidee, als Gegenspieler des großen deutschen Philosophen Karl Marx und dessen Hauptwerk „Das Kapital“ – diese Vorstellung bereitete Zolk sichtlich Freude. Zumal Raiffeisen und Marx im selben Jahr – 1818 – geboren wurden, die Geburt der beiden Männer sich in diesem Jahr also zum 200. Male jährt.

    Auch wenn der Vergleich mit Marx kühn ist, so entbehrte er nicht ganz seiner Berechtigung. Das jedenfalls machte Josef Zolk in seinem Einführungsvortrag deutlich. Während Marx‘ Theorie vor allem Arbeiter und Bauern mobilisierte, sprach Raiffeisen die bürgerliche Schicht an. Auf festem christlichen Fundament stehend habe Raiffeisen auf die Eigenverantwortung eines jeden Menschen und auf dessen Mitgefühl für andere gesetzt.

    „Raiffeisen suchte Wege, den Menschen, das Leben zu erleichtern“, sagte Zolk. Aber er habe auch die Übernahme der eigenen Verantwortung gefordert. „Selbsthilfe war die Voraussetzung für die Hilfe von außen.“ Der Begründer der Genossenschaftsidee habe „mitten in der Welt“ gestanden, Aufgaben gesehen und gelöst und dabei die Probleme der Menschen in den Blick genommen.

    „Raiffeisen war kein Mann der Utopie, es ging ihn um Lösungen“, sagte Zolk. Dabei sei es ihm um die Verbindung von wirtschaftlichem Agieren und sozialem Wissen gegangen. „Nicht Partikularinteressen standen bei ihm im Mittelpunkt, sondern das Interesse der Gemeinschaft.“ Anstand, Fairness und Vertrauen, habe Raiffeisen propagieren wollen. „Was einer nicht schafft, das schaffen viele.“

    Rund 8000 genossenschaftliche Unternehmen in den Wirtschaftszweigen Wohnungsbau, Gesundheit, Einzelhandel oder Landwirtschaft gebe es derzeit in Deutschland, berichtete Zolk. Weltweit seien rund eine Milliarde Menschen in Genossenschaften organisiert, in Deutschland seien es rund 22 Millionen. „Und allen ist eines gemeinsam: bei ihnen geht Gemeinsinn vor Eigensinn.“

    Nach Jahren, in denen die Genossenschaftsidee überholt schien, interessierten sich inzwischen wieder vermehrt junge Menschen dafür. Angesichts global agierender Unternehmen und einer globalisierten Verwertung von Kapital werde die Gemeinwohlorientierung von Genossenschaften mehr denn je als Wirtschaftsform geschätzt, so Zolk. Das Kapital komme den Mitgliedern zugute. „Member value, nicht Shareholder Value – das ist der große Vorteil der Genossenschaften.“

    „Raiffeisen hatte immer ein festes Wertekonzept“, sagte Zolk: „Das, was Du tust, musst Du verantworten können und verantworten wollen.“ Damit sei der Gründer der Genossenschaftsidee nicht nur ein großer Humanist, sondern auch ein „Provokateur gegen Selbstzufriedenheit“ gewesen. 

    Zehn Jahre Young Leader Network – zehn Jahre Verantwortung übernehmen

    In der anschließenden Diskussionsrunde zum „Nachwuchsprogramm“ Young Leader Network griffen Zolk, Merle Lenger vom Selbsthilfebauverein Flensburg, Alexander Charlamenko von der Hansa Baugenossenschaft (Hamburg) und VNW-Referentin Iris Beuerle den Gedanken „Selbsthilfe und Mitbestimmung“ auf. Lenger und Charlamenko berichteten darüber, dass sich Nachwuchsführungskräfte regelmäßig träfen, um sich über aktuelle Arbeitsthemen auszutauschen.

    „Es ist wichtig, das Prinzip Selbsthilfe bei jungen Menschen zu verdeutlichen“, sagte Charlamenko. Es sei durchaus möglich, Genossenschaftsmitgliedern die Gestaltung der direkten Wohnumgebung in Teilen zu überlassen. Lenger sprach von einem „Beteiligungsrecht“ bei der Quartiersentwicklung. Sie habe erlebt, wie man die Genossenschaftsmitglieder über Ideenwerkstätten habe ins Boot holen können.

    Beuerle und Zolk verwiesen auf die wachsende Bedeutung von Schülergenossenschaften. Damit würden bereits ganz junge Menschen an das Thema Wirtschaft herangeführt. „Sie entscheiden – natürlich unter Anleitung einer großen Genossenschaft - alles selber: Abrechnung, Einkauf, Kalkulationen“, sagte Beuerle. „Und am Ende werden sie Prüfungsverband geprüft.“ 

    Beteiligung in ihrer höchsten Form

    Das Thema Beteiligung stand auch im Mittelpunkt des Vortrags von Thomas Möller, Beteiligungsmanager und Vorstand der Baugenossenschaft Freie Scholle Bielefeld eG. Man habe vor einiger Zeit ein neues Beteiligungsmodell eingeführt, das dazu führe, dass sich die Genossenschaftsmitglieder mehr als bisher einbringen könnten.

    Besonders interessant war, was Möller über die „flexiblen Beteiligungsformen“ berichtete. So habe man gemerkt, dass manche Genossenschaftsmitglieder davon abgeschreckt worden seien, wenn sie sich dauerhaft engagieren sollten. Jetzt gebe es „informelle Siedlungsratsgespräche, zu denen man nur zusammenkommt, wenn ein Thema anliegt“. Daneben habe man Siedlungsworkshops. „Zu dieser einmaligen Zusammenkunft, die zwei, drei Stunden dauere, werden alle eingeladen.“

    Die sogenannte Siedlungsarbeitsgruppe wiederum eigne sich für Projekte, „die über einen längeren Zeitraum laufen oder einer längeren Vorbereitung bedürfen“, sagte Möller. Aber auch hier sei klar: es handele sich um nichts Dauerhaftes, sondern um eine projektbezogene Zusammenarbeit.

    Vicky Gumbrecht von der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter berichtete über das Projekt Community-Lotsen. Im Hamburger Stadtteil Hamm seien 16 Flüchtlinge qualifiziert worden – in deutscher Sprache, hiesigen Verhaltensregeln und für den Umgang mit öffentliche Einrichtungen. „Sie sollen als Multiplikatoren in ihren Kulturkreisen wirken und es den Flüchtlingen ermöglichen, in Hamburg heimisch zu werden.“ Die Community-Lotsen seien Ansprechpartner sowohl für die Flüchtlinge als auch für die hiesigen Behörden und Hilfeeinrichtungen.

    Zum Abschluss des ersten Veranstaltungstages wagte Mirja Dorny, Referentin für Genossenschaftswesen VdW Rheinland Westfalen, einen charmanten wie humorvollen Ausblick auf das Genossenschaftswesen im Jahr 2028. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten sich ihre Wochenarbeitszeit und ihren Urlaub frei einteilen. Akten gebe es nicht mehr, sondern nur noch ein digitales Archiv. Die Mitgliederversammlungen wiederum würden (auch) per Livestream in die Wohnungen übertragen. Für die Mieterinnen und Mieter seien Genossenschaften das Allheilmittel gegen Wohnungsnot und zu hohe Mieten.

     Vision wird real: Genossenschaftliches Wohnen in Zürich

    Zum Start des zweiten Veranstaltungstages berichtete Andrea Wieland von der Züricher Baugenossenschaft „mehr als wohnen“ davon, wie es dem Zusammenschluss aus 50 Genossenschaften gelang, auf einer Industriebrache einen ganzen Stadtteil zu entwickeln. 13 Wohngebäude mit 370 Wohnungen, in denen seit drei Jahren rund 1200 Menschen leben, seien entstanden.

    Das Projekt sei von zwei Grundfragen geprägt: „Wie wohnen wir in der Zukunft?“ und „Was braucht ein urbanes Quartier?“ Eigeninitiative und Selbstorganisation würden großgeschrieben, berichtete Wieland. Von Anfang an gebe es „Echoräume“ – das seien Veranstaltungen, auf denen die Bewohner sich immer wieder austauschten.

    Auf besonderes Interesse beim Publikum stießen die sogenannten „Clusterwohnungen“, die über zehn bis 14 Zimmer verfügten und von Studenten, Alleinerziehenden sowie älteren Menschen bewohnt würden. Voraussetzung für das Gelingen dieser speziellen Art von Wohnung sei gewesen, „dass die Bewohner eine Gemeinschaft werden mussten“, sagte Wieland.

    Genauso wichtig wie das Wohnen seien die öffentlichen Flächen und Infrastruktur, fügte die Geschäftsführerin hinzu. Auf 6000 Quadratmeter hätten sich mehr als 30 Geschäfte und Restaurants angesiedelt. Hinzu kämen öffentliche Plätze, die von der Bewohnerschaft verwaltet würden. Kinderspielplätze seien erst entwickelt worden, nachdem die Kinder eingezogen waren. „Sie wurden gefragt, wo und wie sie spielen wollten.“

    Michael Schabl von der Isar Watt eG aus München berichtete von einer „Energiewende von unten“. Sechs Wohnungsgenossenschaften hätten im April vergangenen Jahres die Energiegenossenschaft gegründet, die derzeit rund 16.000 Wohnungen mit Strom und Wärme versorge. „Es geht uns dabei darum, die Energiewende dezentral im Sinne unserer Mitglieder zu organisieren.“

    Konkret heißt das: die Isar Watt betreibt Photovoltaikanlagen und Blockheizkraftwerke, um die beteiligten Genossenschaften mit sauberer Energie zu versorgen. Zudem wolle man die Abrechnung des Energieverbrauchs in der eigenen Hand behalten und betreibe bislang eine Mobilitätsstation: vom Fahrradanhänger über über Pedelecs bis hin zum E-Car könne man dort alles ausleihen und gemeinsam nutzen.

    Zum Abschluss des Genossenschaftstages informierten VNW-Prüfungsdirektor Gerhard Viemann, Rainer Maaß, Referent Recht beim VNW und Sebastian Tackenberg vom VdW Rheinland Westfalen über Neuigkeiten im Genossenschaftsgesetz.