VNW - Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V.

    Meldungen

    Ferien für alle

    Wie Wohnungsunternehmen Kindern die schönste Zeit des Jahres versüßen und es dabei nicht auf den Geldbeutel der Eltern ankommt.

    Von Dr. Anne Schulten

    Flensburg. Die beste aller möglichen Welten, wie sähe sie aus? Ließe man Kinder entscheiden und überließe ihnen die Macht, wie es etwa der Selbsthilfe Bauverein Flensburg eG 2017 in einem zweiwöchigen Feriencamp an der Ostsee gemacht hat, dann wäre das Rezept vielleicht: Steuern runter, Löhne verdoppeln. So jedenfalls hielt es der Bürgermeister von Mini-Flensburg Leon für die Dauer seiner Amtszeit. Sicherlich gäbe es keine Kinderarmut und schon erst recht keine Kinder, die in den Ferien zu Hause bleiben müssten.

    Die SBV-Stiftung Helmut Schumann hat die Kinder im vergangenen Jahr zum „Ferienspaß im Ostseebad“ eingeladen. Unter dem Motto „Bau Deine eigene Stadt“ haben mehr als 100 Kinder aus Bauplatten selbst zusammengezimmert, was es so braucht zum Leben: Gericht, Casino, Supermarkt und ein Tattoo-Studio.

    Die Urteile des Gerichts fielen vergleichsweise milde aus. Der Bürgermeister im selbst erbauten Rathaus von Mini-Flensburg empfing - auch sein mittlerweile über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes, erwachsenes Pendant Oberbürgermeisterin Simone Lange. Simone Lange und der Vorsitzende der SBV-Stiftung Helmut Schumann, Jürgen Möller, waren eingeladen, kamen und zeigten sich beeindruckt: Ein wenig hatten die Kinder Utopia erschaffen, das erdachte Land, in dem ein gesellschaftlicher Idealzustand herrscht.

    Jedes fünfte Kind ist arm oder armutsgefährdet

    Wie jede Utopie leugnete jedoch auch diese das Bestehende, die Realität ist anderer Gestalt: in ihr sind Löhne so niedrig, dass wir von „Einkommensarmut“ sprechen. Menschen arbeiten, können davon aber nicht leben. Das ist nur eine der „Armutsfallen“. Arm ist in Deutschland gemäß der Definition, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Der Schwellenwert für zwei Erwachsene und zwei Kinder unter 14 Jahren lag nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom November 2017 bei 2.234 Euro im Monat. 

    Jedes fünfte Kind in Deutschland ist arm, so arm, dass es laut Statistischem Bundesamt nicht für Winterkleidung und Essen reicht und schon gar nicht dafür „jährlich eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen“. In einer Wohlstandsgesellschaft erleben diese Kinder, wie die Armutsforscherin Susanne Gerull von der Alice Salomon Hochschule in Berlin festgestellt hat, eine „sehr subtile Ausgrenzung“.

    Die Sozialpädagogin und Politikwissenschaftlerin kommt aber noch zu einem weiteren, bemerkenswerten Befund: „Kinder, die gefördert werden und spüren, dass man sich um sie kümmert, nehmen sich selbst nicht unbedingt als arm wahr.“

    Soziales Engagement bedeutet etwas zurückgeben

    Es ist somit nicht ganz unerheblich, ob und in welchem Umfang sich Unternehmen sozial engagieren und einen Beitrag dazu leisten, soziale Ungleichheiten auszugleichen und damit die Welt ein wenig besser zu machen. Das Engagement des SBV, das Kindern Ferienfreizeiten ermöglicht, hat sich, wie Jürgen Möller sagt, zunächst aus einer Idee der Marketinggemeinschaft heraus entwickelt. „Zwar ist das Programm eingestellt worden, wir haben es aber über unsere SBV-Stiftung Helmut Schumann weitergeführt.“ 

    Dass der SBV die Förderung verstetigt hat, erklärt Möller damit, dass sich die Genossenschaft grundsätzlich gern für Kinder engagiere, vor allem auch für jene, deren Eltern finanziell nicht so gut gestellt sind. Diesen Kindern in den Ferien Spaß und Abwechslung zu bieten gehöre für ihn und den SBV zum sozialen Auftrag einer Genossenschaft.

    In den Herbstferien fahren mehr als 20 Kinder in ein Feriencamp nach Bockholmwik. Im vergangenen Jahr machten die Sechs- bis Zehnjährigen den Strand als Piraten unsicher, buken in Haithabu bei Schleswig Brot und erstellten Thorhammer wie die Wikinger. Zudem gab es Zirkus- und Seifenblasenworkshops. SBV-Sozialmanagerin Miriam Kohlsdorf berichtet, dass viele Eltern begeistert seien von der Vielfalt des Programms, aber auch von den niedrigen Kosten, die pro Kind bei 50 Euro liegen. Glücklich seien viele Eltern auch darüber, selbst eine kleine Auszeit nehmen zu können. 

    Geldbeutel der Eltern spielt keine Rolle

    Eine ganze Woche ohne Eltern verbringen auch die 25 Kinder, die einen Platz im Kinderferiencamp der Wankendorfer Baugenossenschaft für Schleswig-Holstein eG auf dem Klinthof in Heidmühlen ergattern konnten: mit viel Spaß, spannenden Spielen und neuen Freunden. Die Eltern beteiligen sich mit 100 Euro pro Kind an den Kosten für eine Ferienwoche. Bei vollem Programm, mit Übernachtung, Verpflegung und Bus-Shuttle, liegen diese bei 600 Euro pro Kind. Die Differenz zwischen Aufwendungen und dem Beitrag, den alle Eltern zusammen leisten, liegt bei 12.000 Euro.

    Die Wankendorfer engagiert sich noch in anderer Weise für Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten können, das Mittagessen in der Kindertagesstätte „Pusteblume“ zu finanzieren. Die Genossenschaft unterstützt den Service und übernimmt einen Teil der Kosten des Caterings, damit alle in den Genuss einer warmen Mahlzeit kommen und es keine Frage des Geldbeutels der Eltern ist. Daneben stellt die Wankendorfer die Räumlichkeiten für die Lütjenburger Tafel. 

    WGS Schwerin unterstützt ein Ferienlager

    Dass es sich nicht jede Familie leisten kann, den Kindern Ferienfreizeiten zu ermöglichen, sieht auch Ulrike Jenßen, Prokuristin der WGS Wohnungsgesellschaft Schwerin mbH. Aus diesem Grund unterstützt der kommunale Vermieter seit bereits 19 Jahren für ein Ferienlagerprojekt des Arbeitslosenverbandes Mecklenburg-Vorpommern e.V. Die Sieben- bis Zwölfjährigen erkunden Wald und Forsthof, gehen im Dümmer See baden und können im Mitmachzirkus im Elefantenhof in Platschow in der Manege stehen.

    Neben SBV, WGS und Wankendorfer fördert der Altonaer Spar- und Bauverein e.G. bereits seit mehreren Jahren seine Mitglieder. Der Nachbarschaftsverein „Vertrautes Wohnen“ bot bereits zum siebten Mal ein Familienwochenende an. Die Reise, die mit 45 Teilnehmern nach Sylt führte, sei innerhalb kurzer Zeit ausgebucht, berichtet altoba-Sprecherin Silke Kok. In den Jahren zuvor war es zum Weißenhäuser Strand, nach Fehmarn oder zum Ferienhof Poggendieck gegangen.

    Während bei der Wankendorfer Susanne Böckmann zusammen mit zwei Auszubildenden für die Vorbereitung der Freizeit verantwortlich ist, sind es bei der altoba freiwillige Helfer, die die Umsetzung maßgeblich mittragen. Frank Krolak, Sozialmanager der altoba, beziffert den Umfang der anfallenden Arbeitszeit für die Vorbereitung einer Veranstaltung mit etwa 20 Stunden für eine Mitarbeiterin. Der Zuschuss, den der Verein beisteuere, liege bei zehn Prozent, sagt Krolak. Die Familien steuern 200 Euro bei.

    Reise auf den Bioland-Hof

    Einen etwas anderen Akzent setzt die Schiffszimmerer-Genossenschaft eG, die gerade neu in das Feld einsteigt und ihre Mitglieder unlängst per Rundschreiben und per Ankündigung mit Anmeldecoupon in der „Bei uns“ auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht hat, „ihre Kinder mit unserer Genossenschaft in die Ferien“ schicken zu können. Für die Großstädter führt die Reise auf den Bioland-Gutshof Wulksfelde vor den Toren Hamburgs. 

    Bis zu 45 Kinder zwischen 7 und 11 Jahren sind eingeladen, in der freien Natur Feuer zu machen und in Zelten zu übernachten – „wie die Indianer“. Die einwöchige Kinderfreizeit wird ausschließlich für die Kinder der wohnenden Mitglieder angeboten. Der Kostenbeitrag pro Kind liegt bei 30 Euro und wird in Kooperation mit Abenteuercamps e.V. mit erfahrenen Pädagogen durchgeführt. Wichtig ist den Schiffszimmerern die Vermittlung genossenschaftlicher Werte. Die Kinder sollen spielerisch „Zusammenarbeit und Selbsthilfe als Grundlagen der Genossenschaft kennenlernen“.

    Foto: Adobe Stock/Brocreative